aus "Weißes Ich, Schwarzes Du- Von Selbstenfremdung durch Abhängigkeit"

 

 

 

 

 

 1.

Es war einmal ein kleiner Junge. Sein Name war Dave. Als Kind war er  sehr nachdenklich und still. Sehr reif und klug für einen Knaben seines Alters.

Seine Mutter war sehr krank. Schon als Kleinkind musste er Dinge erledigen, die seines Alters kaum machbar schienen.

Mit seinen Mitschülern in der Grundschule sprach er kaum. War aber immer schon etwas weiter voraus im Denken als seine Altersgenossen.

Immer, wenn er von der Schule kam, lag seine Mutter noch im Bett.

Nicht wie bei den anderen Kindern gab es ein gekochtes Mittagessen, keiner empfing ihn mit offenen Armen daheim.

Aber er akzeptierte dies, denn er kannte es nicht anders.

Manchmal lag seine Mutter leblos da und rührte sich kaum.

Wenn er sie wecken wollte, um ihr mitzuteilen, dass er wieder daheim war, drehte sie sich träge zur Seite und zwinkerte mit großer Mühe mit unterlaufenen Augen.

„Mami ist sehr müde“, wiederholte sie oft in lallendem Ton.

Er nickte und akzeptierte.

Sein Vater arbeitete in einer Fabrik, war also tagsüber kaum zuhause.

Wenn er dann abends heimkam, kochte er etwas für Dave.

Manchmal schleppte sich auch die Mutter durchs Haus und kochte etwas für den Jungen mit den ewig traurig wirkenden Augen.

Seine Emotionen waren sehr abgeflacht und er tollte kaum ausgelassen auf einem Spielplatz mit anderen Kindern.

Die Familie besaß nur eine sehr kleine Wohnung. Sie war sehr lieblos eingerichtet und Dave musste auf einem Matratzenlager in einem kleinen Nebenzimmer schlafen.

Alles, was ihm Freude machte, waren die Bücher, die er hier und da auflas. Sobald er lesen lernte, begann er, sich zurückzuziehen und zu blättern.

Er versteckte sich oft in seinem kleinen Zimmer und las stundenlang.

Auch wenn er die Inhalte gar noch nicht verstand.

Das Viertel, in dem Daves Familie wohnte, war sehr heruntergekommen, aber die Immobilien waren dort sehr billig und etwas Teureres war für die Familie kaum leistbar.

Geweint hatte Dave noch nie wissentlich. Vielleicht als kleines Baby. Aber seit dem er denken konnte, hatte er nie mehr geweint.

Weinen sei eine Schwäche, erklärte man ihm. Das täten nur Weichlinge und Feiglinge.

Seine Mutter weinte aber sehr häufig. Sie wurde auch sehr schnell sehr laut und aufgebracht, doch immer öfters nahm sie diese Tabletten und schlief fast den ganzen Tag.

Daves Vater erklärte ihm, dass das Verhalten seiner Mutter sehr unwürdig sei. Daraufhin rastete sie meistens völlig aus und wurde sehr aggressiv.

Einmal bedrohte sie Daves Vater vor seinen Augen mit einem Küchenmesser. Damals hatte Dave große Angst, er spähte heimlich aus dem Spalt seiner Zimmertür.

Tage später fragte er seinen Vater verlegen, warum denn die Mutter ihn bedroht hatte. „Sie ist eben sehr krank“, wurde ihm erzählt. Immer und immer wieder. Was genau sie hatte, wusste keiner.

Doch mittlerweile waren ihm die Launen seiner Mutter gleichgültig geworden. Gegen ihn richteten sie sich nie wirklich. Immer gegen den Vater.

Doch eines Tages spürte der Junge, wie ihm eine Träne über das Gesicht kullerte. Es war am Begräbnis seiner Eltern. Er war damals zehn Jahre alt.

Er stand am Grab und blickte in die Grube, wohin die Särge heruntergelassen wurden.

Die Mutter hatte den Vater ermordet. Und anschließend sich selbst.

Schnell und beschämt wischte er sich die Träne aus dem blassen Gesicht.

Er sah, wie alle Leute Erde in die Grube warfen. Auch er durfte einen Schub Erde werfen.

Und er sah, wie er sein Herz hinab stieß und wie es immer mehr begraben wurde.

Doch der Indianer kennt keinen Schmerz, erinnerte er sich.

In der folgenden Zeit wurde er bei einer Pflegefamilie untergebracht.

Diese wohnte nahe beim Bahnhof. Er wohnte gemeinsam mit zwei Mädchen bei einer netten Familie.

Obwohl sich das Paar reizend um ihn zu kümmern schien, wollte er nie dazugehören. Seine zwei neuen jüngeren Schwestern tangierten ihn kaum.

Anfang sprach er kaum. Doch mit elf wechselte er dann die Schule.

Und auf dem Bahnhof schloss er sich einer Gruppe Jugendlicher an. Die waren alle um einiges älter als er.

Sie nutzten ihn meistens für irgendwelche Mutproben aus, weil er der Jüngste und somit der Gehorsamste war. Doch keineswegs der Dümmste.

Er musste Zigaretten klauen und einiges Kleinzeug aus dem Tabakladen.

Danach wurde genüsslich geraucht und auch er durfte mitmachen.

Anfangs wurde ihm dabei richtig schlecht, aber er versuchte es, so gut wie möglich zu verbergen, um dazuzugehören.

Manchmal brachte ein älterer Junge der Gruppe auch eine Flasche Wodka in einem Rucksack mit und alle durften trinken.

Die Pflegemutter war sehr besorgt um Daves Einstellung zum Leben. Er war kaum Zwölf und verhielt sich sehr bedenklich.

Sie suchte öfters das Gespräch, doch Dave schwieg immer nur.

Und in der Schule war er immer gut. Der Pflegevater meinte einmal, es sei „jugendlicher Unsinn“ und würde sich wieder legen.

Dave versuchte immer mehr Aktionen zu verheimlichen, um die Eltern im Glauben zu lassen, dass es nicht wirklich so war.

Mit vierzehn hatte er sich in der Gang schon etabliert und zählte als volles Mitglied. Dies gab ihm sehr viel Bestätigung.

Immer wieder wurde geklaut, geraucht, getrunken.

Einmal saßen die Jungs an der Bahnhofsmauer hinter der Halle und Dave erzählte, dass er keine richtigen Eltern hatte.

Dabei ertappte er sich, wie sich seine Augen mit Tränen füllten. Tapfer schluckte er und hielt die Luft an. Es war ihm sehr unangenehm vor seiner Bande.

„Ach Gahan, wir stecken doch alle irgendwie in der Scheiße“, entgegnete man ihm. Dies beruhigte ihn jedoch kaum. Er erwartete vielleicht ein offenes Ohr für seine Geschichte.

Doch da erkannte Dave ein schalkhaftes Grinsen in den Augenwinkeln seines Kumpels. Er kannte diesen Gesichtsausdruck bereits. Immer wieder tauchte dieser auf, wenn man etwas Unheilvolles vorhatte. Wenn man ihn klauen schickte, oder wenn etwas Verbotenes auf den Tisch kam.

„Weißte, Gahan, jetzt bist du ja kein Baby mehr“, erklärte sein Kamerad und holte etwas aus seinem Rucksack. Es war sehr merkwürdig verpackt.

Doch im selben Moment rauschte ein Zug vorbei. Schnell zog der Junge es wieder unter die Jacke. Erst als kein Mensch weit und breit zu sehen war, zückte er dieses Säckchen wieder hervor.

Alle aus der Bande warfen einen ehrfurchtsvollen Blick auf diese verheißungsvolle Sache. Es musste etwas ganz revolutionäres und bahnbrechendes sein. Dave betrachtete dieses Säckchen genauer.

Es befanden sich einige bunte Pillen darin.

„Ja, Junge, sieh es dir nur genau an“, belehrte ihn sein kaum älterer Mitspieler, „ es könnte dir dein beschissenes Leben retten.“

Dave zog erstaunt seine noch kindlichen Augenbrauen hoch. Was könnten diese Pillen bewirken? Wäre es einen Versuch wert? Was konnte er noch verlieren?

Er blickte seinen Kollegen ausforschend an. Er wollte es nun wissen.

„Dies ist feinster Stoff. So etwas kannst du in der ganzen Stadt nicht finden. Probier es, es wird dir den ganzen depressiven Scheiß aus dem Hirn kicken.“

Zitternd griff Dave nach einer Tablette. Er hatte große Angst. Aber er wollte es um jeden Preis verbergen. Nahm das Zeug und schluckte es willig.

Seine Freunde lachten bestätigend.

„So ist es richtig, du wirst sehen, es wird dich heilen, kleiner Junge“, alberte man.

Nach einigen Momenten fuhr es ganz arg in den kleinen Jungen, der kaum noch ausgewachsen war.

Irgendetwas ritt ihn immer mehr, er spürte immer mehr Euphorie, Antrieb und sah merkwürdige Farben, die Welt öffnete eine neue Seite, eine beängstigende und trotzdem so anziehende.

Er tanzte auf den Schienen umher, als ob es kein Morgen gab. Es war ihm egal, ob ein Zug ihn niederreißen würde. Lebensmüde verspürte er unheimlichen Mut und Leichtsinn.

„Es wirkt!“ schrie er, „das Zeug wirkt!“

„Halt die Klappe, Gahan“, tadelte ihn sein Kumpane, „ das muss nicht die ganze Welt wissen.“

Doch Dave fühlte sich frei und losgelöst von all den Problemen und Bedenken, die ihn noch bis vor kurzem plagten. Frei wie ein Vogel ohne Flügel, wie sich später herausstellen würde.

In der nächsten Zeit kam Dave immer weniger zu seiner Pflegefamilie, er blieb immer wieder unerlaubt über Nacht fort.

Wenn ihn seine besorgte Familie darauf ansprach, schnauzte er bloß zurück, er sei schon fast fünfzehn, also laut seinen Ansichten fast erwachsen, also könne er tun und lassen, was er wollte.

Magisch zogen ihn die Weisheiten seiner Bande an, immer mehr griff er zu diesen Wunderpillen.

Eines Tages, als es wieder spät wurde, saßen die Jungs am Bahnsteig und beschlossen, über Nacht auf eine Party zu gehen.

„Es ist eine scharfe Braut“, erzählte man Dave, „ sie feiert in der alten Halle ihren Geburtstag. Sie ist schon siebzehn und hat Mördertitten.“

Daves Pupillen erweiterten sich bei diesem Ausdruck, oder war es doch mehr als nur seine Pupillen.

Immer wieder hatte er vage Vorstellungen von einer Beziehung mit einem Mädchen, aber zu sehr war er nun aufgeregt, um sich darüber Gedanken zu machen.

Natürlich war er dabei. Und so sprang die auffallende Jugendgruppe in eine Schnellbahn und begab sich zu dieser besagten Fete.

Schon als sie sich dem alten Gebäude näherten, erklangen derbe Bässe aus der Ferne. Es musste wirklich grob zugehen.

Drinnen angekommen erstickte man fast im Rauch, es tanzten viele aufreizend gekleidete Mädchen und hüpften wild herum.

„Lasst uns die Bräute checken“, grölte einer vorlaut.

Dave war noch recht verunsichert, inwiefern sich diese Aktion abspielen würde.

Doch da tanzten auch schon einige Mädchen auf die Bande zu, die bereits einige zu kennen schienen.

Dave stellte sich an den Rand der Gruppe, er wusste nicht so recht, wie er sich verhalten sollte. Es wurde recht viel Alkohol ausgeschenkt. Auch er bekam eine beträchtliche Menge davon ab. Auf ex würgte er das Zeug herunter. Immer wieder bemerkte er, dass er von einem Mädchen gemustert wurde. Sie dürfte schon etwas älter sein als er, doch wirkte er auch etwas reifer durch seine große Körperhöhe.

Ein Kumpan stieß ihn mit dem Ellbogen leicht in die Rippen und wies auf das Fräulein hin. „Sieh an, Gahan, die steht auf dich.“

Das Mädchen war sehr spärlich bekleidet, ein schillernd grünes Top, eine hautenge Jeans, hohe Stiefel, braune lange Haare und eine Menge Schminke im Gesicht. Sie wippte ihr etwas runderes Becken fordernd zur Musik. Dave beobachtete sie prompter.

Ihre großen Brüste wogten fast aus dem Ausschnitt des Oberteils.

Alles an ihr war sehr weiblich, lediglich das Gesicht wies darauf hin, dass sie eigentlich noch ein Kind war.

Wieder redete man auf ihn ein.

„Was ist, was stehst du noch so rum? Mach dich an sie ran und steck ihn ihr rein!“

Etwas erschüttert über dieses Statement näherte er sich so selbstbewusst wie möglich diesem Frauenzimmer. Sie kicherte etwas angreifbar hysterisch, als er sie ansprach. Er versuchte recht ungeschickt eine Konversation aufrecht zu erhalten, doch dass sie ständig ulkte, machte ihn nervös. Sein Freund zeigte ihm eine ordinäre Geste, indem er einen Finger in seine andere Handfläche hineinsteckte.

Dave wusste sich nicht mehr zu helfen, also schlug er vor, nach draußen zu gehen. Er packte sie an der Hand und zog sie hinter die Halle.

Ratlos und verblüfft lehnte sie sich an die Mauer. Dave war mindestens genauso hilflos und überfordert. Doch um dies zu überspielen, begann er übergangslos und ohne Kommentar, seine Zunge zwischen ihre Lippen zu pressen und ihr an ihre prächtig ausgeprägten Brüste zu grapschen. So etwas hatte er vorher nie gemacht, aber er musste zumindest den Eindruck erwecken, dass er sexuell erfahren war. Also fasste er sie überall an. Sie spielte willig mit.

Immer gehetzter wurde er durch den Druck, den er im Kopf hatte, dass er mit ihr schlafen musste. Überhastet öffnete er ihre Jeans und fasste ihr zwischen die Schenkel unters Höschen.

Was er da spürte, brachte ihn fast um seinen Verstand.

Einmal, konnte er sich erinnern, schmuggelte er aus der Videothek einen Film aus der Erwachsenenabteilung, den er dann mit seinen Freunden ansah, wo lauter schmutzige Sachen getrieben wurden.

Er dachte an all diese anstößigen Szenen und versuchte, ähnlich zu agieren, obwohl er alles andere als gelockert war.

Er schob seine Finger tief in sie. Sie ließ es sich gefallen. Stöhnte leise, aber äußerst gekünstelt.

Immer wieder hörte er Stimmen aus der Ferne, was ihn sehr hektisch machte. Doch, an der Mauer hinter der Halle, wo sie sich befanden, war es sehr dunkel.

Er musste es trotzdem schnell hinter sich bringen, ehe sie gefunden wurden.

Also zog er sich die Hose hinunter und versuchte, in die einzudringen.

Dies gestaltete sich jedoch äußerst schwierig in dieser Position. Nichts klappte, so wie in diesem Sexfilm, den er als Konzept im Kopf hatte.

Und das steigerte seine Nervosität ins Unendliche.

Er zog ein Bein von ihr umständlich in die Höhe und versuchte es auf neue.

Diesmal klappte es sehr beschränkt, aber doch. Hastig fing er an, zu verkehren.

Es herrschte alles andere als Romantik, an der kalten Mauer der Fabrikshalle. Ihr Gesicht wirkte etwas schmerzverzerrt. Doch er hörte nicht auf, wenn sie ihn nicht abweisen würde.

Es dauerte auch kaum eine Minute, da war es von seiner Seite aus schon beendet. Er konnte der Aufregung nicht mehr standhalten.

Er zog sich die Hosen wieder hoch und putzte sich wortlos die Hände an seinem T-Shirt ab.

Angewidert beäugte sie ihn. Doch ihm fiel nichts Besseres ein, als ein knappes „Das war´s.“

Enttäuscht zog auch sie sich an und scheuerte ihm eine ins Gesicht.

„Du unsensibler Idiot“, schimpfte sie ihn und drehte sich am Absatz um, um zu verschwinden.

Dave stand da, ganz allein in der Kälte und verstand die Welt nicht mehr.

War es nicht das, was er tun hätte sollen?

Irgendwie verließ er sehr beschämt das Geschehen.

Ein Freund passte ihn jedoch ab.

„Na wie war´s? Hast du die Kleine klargemacht?“

Dave erzählte ihm von ihrer Reaktion.

„Oh ja, das hat sie doch scharf gemacht! Frauen brauchen das!“ meinte der Kollege.

Ein Kind war er im Herzen und musste sein wie ein Mann.

Immer mehr gelang es ihm, eine Fassade auszuleben. Einige

Zeit später hatte er auch diese Sache mit dem Beischlaf heraußen.

Diese Pillen wirkten Wunder. Auch beim Geschlechtsakt.

Schließlich distanzierte er sich immer mehr von seinen Zieheltern.

Schlief mal hier, mal da. Spätestens nach der Schule war er verschwunden. Kämpfte sich mehr oder weniger mit Gelegenheitsjobs durch die Finanzen. Wohnte mal hier, mal dort. Solange er den Frauen etwas von seinem Körper bot, war er zu übernachten willkommen.

Einige steigerten sich sehr emotional in die Sache herein, doch er schob es immer gekonnt von sich, um es lediglich als Körperlichkeit abzukanzeln. In seinem Leben lernte er jedoch, ein guter Schauspieler zu sein, deswegen biss er sich immer wieder irgendwie durch, sei es auch mit Drogen. Er zwang sich ein Image des ausgebuchten Liebhabers auf, der während des Koitus die Frauen gefühlsbetont in den siebten Himmel hob, um seine vermeintlichen Gemütsbewegungen danach abzuschalten und dennoch den Frauen vorzugaukeln, dass er viel für sie empfand, um Vorteile daraus zu ziehen.

In Wirklichkeit waren ihm diese Beischlafe mehr als zuwider, zumindest, wenn es vorbei war und er schon wieder nichts gefühlt hatte und enttäuscht an einer Zigarette zog und sich aus dem Staub machte.

Er betete oft herunter, was er glaubte, das die Frauen hören wollen.

Alleine war er deswegen jedenfalls nie. Er hielt es nicht aus. Infolgedessen vögelte er sich hie und da durch den Gemüsegarten, wenigstens hatte er immer jemanden. Was er wirklich davon hatte, war jedoch äußerst fraglich. Doch er kannte es nicht anders.

Und selbst wenn er einmal alleine war, glaubte er sich seine Illusionen durch Drogenexzesse zu holen.

Äußerlich hatte er sich ja zu einem beachtlichen und ansehnlichen Gentleman entwickelt. Mit stahlblauen Augen, erhabener und eindrucksvoller Figur, eleganten Gesichtszügen.

Er wurde immer ehrgeiziger und eitler. Handhabte seinen mannstollen Erfolg zu seinen Gunsten.

Doch innerlich war noch immer der kleine Junge, der bekümmert und unglücklich am Grab seiner Eltern stand. Doch niemals würde ihm mehr eine Träne auskommen. Das hatte er sich geschworen.

 

 

 2.

Doch gerade in diesem Moment fiel ihr etwas Merkwürdiges auf.

Da war noch jemand. Nicht dass dies allein eine Besonderheit darstellen würde, doch befand er sich regungslos am Boden liegend.

Wer würde freiwillig auf der Erde herumliegen? Außer ihm war etwas zugestoßen, das ihm den Fortgang verwehrte.

Blitzartig wurde ihr ganz bang bei diesem Anblick.

Am liebsten wollte sie die Flucht ergreifen, doch irgendetwas ließ ihr keine Ruhe, so musste sie vorsichtig und eingeschüchtert näher ran treten. Dieser Perspektive zwang sie richtiggehend dazu. War es ein Hinterhalt? Würde diese Person gleich aufspringen und für sie gefährlich werden?

Immer wieder hielt sie inne, um zu prüfen, ob sich diese Person nicht doch rührte.

Die zuerst positive Aufregung schlug nun endgültig und Bestürzung und Panik um. Was bewegte einen Mann, mitten im Park am Boden zu liegen?

Es konnte nur etwas Unheilvolles sein.

Was wäre, wenn er tot wäre? Horrorgeschichten geisterten ihr durch den Kopf.

Was sollte sie nur tun? Sie fühlte sich völlig ausgeliefert. Und schon fast ein wenig verantwortlich.

Unglücklicher Weise konnte sie sein Gesicht nicht sehen, da er mit dem Rücken zu ihr zusammengekauert am Steinboden lag, genau bei einer Parkbank. Sie traute sich aber auch nicht, ihn anzutippen, weiß Gott, wie er reagieren würde, er würde ihr vielleicht etwas antun.

War es ein Obdachloser, der schlief? Aber warum dann nicht auf der Bank? Alles passte nicht zusammen.

Die Alarmglocken schrillten in ihr, sie musste diesen Ort schnell verlassen, aber es war zu spät, sie fühlte sich schon viel zu involviert in diese Konstellation.

Es war wie im Horrorfilm. Der Regen prasselte auf seinen Körper, doch er schien nichts davon zu registrieren, er musste schon unterkühlt sein.

Denn nun beobachtete sie ihn schon etwa eine Minute und er bewegte sich nicht. Zu atmen schien er, aber sie war sich nicht sicher.

Doch da! Rettung nahte! Ein Passant näherte sich dem Schauplatz.

Sie tobte auf ihn zu und rang um Worte.

Wollte ihm ihre Not klarmachen. Beziehungsweise ihre Hilflosigkeit. Er würde vielleicht erklären können, was mit diesem Mann passiert sei.

In ihrer Nervosität gelang es ihr jedoch kaum, einen geraden Satz zu konstruieren, dabei wies sie immer wieder auf den Liegenden bei der Parkbank hin.

Doch ihr Gehabe zeigte keinerlei erwünschte Resultate.

„Lass den Asozialen liegen“, bellte man abgestumpft und marschierte voll Ignoranz vorbei.

Was meinte er mit asozial? Das er keine Freunde hatte? Dass er ein Schmarotzer sei? Oder vielleicht Gewalttätig? Wie konnte man nur so dreist sein und einfach vorbeigehen?

Ihr kamen die Tränen vor Panik, sie konnte kaum atmen, sie sah dringenden Handlungsbedarf, fühlte sich aber haushoch überfordert.

Also legte sie verworrenen Gemüts fest, sich dieser Person auf ein Neues zu nähern. In Zeitlupentempo schlich sie, so leise sie konnte, an den Liegenden heran. Ob er bei Bewusstsein war? Ob man mit ihm reden konnte? Und wenn ja, was?

Noch immer verharrte dieser Mann in derselben Starre, ihr schwante Schlimmstes, als sie beschloss, ihm in sein Antlitz zu blicken, schauerliche Bilder erschwerten ihr die Maßnahme.

Wer weiß, wie es aussehen würde? Vielleicht schon leichenfahl?

Alt dürfte dieser Mann noch nicht sein, er verfügte eigentlich über einen sportlichen Körperbau. Was sie von hinten feststellen konnte.

Immer näher kam sie ihm, riskant nahe. Nun brauchte er nur noch hochzufahren und sie befände sich bereits in Bedrängnis.

Doch wie von Geisterhand fasste sie dem Menschen an die Schulter.

Sein Leib fühlte sich in der Tat extrem unterkühlt an. Seine Jacke durchweicht von der Nässe. Er konnte nicht bei Bewusstsein sein, denn dieser Zustand wäre sonst unerträglich unangenehm.

Sie stöhnte und schluchzte vor Verzweiflung. Gleich würde sie ihn umdrehen und ihm in die Augen sehen, falls er noch lebte.

Doch das musste er, denn nun war deutlich zu erkennen, dass sein Brustkorb sich auf und ab bewegte.

Aber schlafen konnte er doch nicht! In diesem Zustand bei diesen Bedingungen!

Ihr blieb fast das Herz stehen, als sie erkannte, dass er mit seinem Kopf in seinem eigenen Erbrochenen verweilte.

Es war wohl der grauenvollste Anblick in ihrer Geschichte!

Wie war das möglich? Warum war ihm schlecht? Und warum ist er gleich darauf zusammengebrochen? Oder erbrach er erst, als er schon dagelegen hatte?

Sie stieß einen Schrei aus. In diesem Augenblick blinzelte der Reglose leicht auf. Dies bescherte ihr noch mehr Ungewissheit. Doch wenigstens konnte sie ihm jetzt etwas mitteilen. Oder etwas doch nicht?

Er schien sehr benommen zu sein!

„Hallo?!“ heulte sie in letzter Verzagtheit.

Er reagierte aber kaum. Bewegte aber die Lippen. Brachte aber keinen sinnvollen Ton hervor. Sie wurde nicht schlau aus seinem Lispeln.

„Was fehlt Ihnen?“ brüllte sie aus voller Kraft, um vielleicht irgendwie an ihn ranzukommen.

Seine Lippen waren ganz bläulich angelaufen. Er bewegte sie abermals, jedoch kam wieder nichts Folgerichtiges hervor.

„Bitte!“ jaulte sie und rüttelte ihn leicht. Er musste sie doch wahrnehmen!

Er schaute sie doch an. Seine Pupillen waren sehr geweitet und seine Augen gräulich unterlaufen.

Obwohl sie sich extrem vor dem Erbrochenen ekelte, ignorierte sie es und hob seinen Kopf auf ihren Schoß. Seine Haare waren teilweise eingetunkt darin gewesen.

Strich ihm flüchtig übers Gesicht. Doch da geschah etwas Unglaubliches.

Der Unterkühlte streckte zitternd seine Hand empor und griff nach ihrer.

Einen Moment schien die Zeit einzufrieren. Sollte sie ihm ihre Hand geben? Wollte er Trost? Wusste er überhaupt, was er tat? Oder sah er jemand anderen in ihr?

Der Regen rasselte in sein Gesicht, auch ihr Haar war schon ganz durchnässt. Seine Lippen waren leicht geöffnet und er fasste ihre Hand ganz fest. Das ließ sie, trotz Schockzustandes, zu.

Prüfte sein Gesicht direkter.

Diese Gesichtszüge glichen denen eines Engels. Diese Betrachtung ging ihr durch Mark und Bein. Was brachte solch einen hübschen Mann mitten im Park in diese Situation? Sie versuchte, sich zu konzentrieren.

Da fuhr sie hoch wie von der Tarantel gebissen.

„Ich habe eine Idee! Ich helfe Ihnen gleich!“ Endlich fiel ihr die Lösung ein.

Sie packte ihre hingeworfene, inzwischen völlig durchnässte Handtasche und zückte ihr Handy, um eine Notrufnummer zu wählen.

Es läutete und läutete und jeder Signalton erschien ihr als Endlosigkeit.

Endlich meldete sich eine Stimme.

„Hilfe!“ dröhnte sie aufgelöst in den Hörer, „ich habe einen Mann gefunden, er wird gleich streben!“

„Beruhigen Sie sich bitte! Atmen Sie durch! Und nun sagen Sie uns wo sie sich befinden und was dem Mann genau fehlt?“ beschwichtigte sie eine Stimme vom Notdienst.

„ Wir sind im Stadtpark, etwas zweihundert Meter vom Ausgang. Oder mehr? Oh mein Gott! Er liegt reglos da. In seinem Erbrochenen! Er ist völlig unterkühlt! Bitte kommen Sie schnell! Es ist furchtbar!“ weinte sie.

Die Person vom Notdienst versicherte, dass sofort jemand am Unfallort sein würde.

Sie warf ihr Handy wieder in die Tasche und eilte sofort zu dem Fremden zurück. Er befand sich noch immer in der Lage, wie sie ihn gelassen hatte.

Sie kniete vor ihm nieder.

„Keine Sorge, gleich kommt jemand“, sagte sie sich immer wieder vor.

Es passierten sogar zwei Leute die Stelle, wo sie sich befanden, jedoch nur mit verächtlichem Kopfschütteln.

Was war das nur für eine Welt hier draußen? Warum waren alle so brutal und herzlos? Sie hätte doch zu hause bleiben sollen!

Machte sich große Vorwürfe. Und starrte auf das bleiche Gesicht in ihrem Schoß.

Endlich nahte die Erlösung.

Da war ein Blaulicht zwischen den Bäumen zu sehen.

Wieder sprang sie ruckartig hoch und hüpfte wild gestikulierend hin und her.

„Hier sind wir!“ brüllte sie und überschlug sich fast vor Aufregung.

Da kamen schon drei Sanitäter auf den Bewusstlosen zu. Leuchteten ihm in die Augen und fühlten seinen Puls. Horchten seinem Atem.

Alles passierte so schnell. Sie stand wie versteinert daneben und starrte außer sich vor Panik. Noch nie zuvor hatte sie solch ein Ereignis in der Realität verfolgt.

Nach einer Minute Begutachtung bahrten sie den Mann auf und brachten ihn zum Rettungswagen.

Sie rannte hinterher.

„Was ist mit ihm?“ pochte sie hastig.

„Kennen Sie diesen Mann?“ ermittelte der Notarzt.

„Um Himmels Willen, nein!“ schrie sie bestürzt. „Was passiert jetzt mit ihm?“

„Er hat wohl zu viel erwischt. Wahrscheinlich Drogen. Er ist in Deliriumszuständen. Wir bringen ihn auf die Notaufnahme!“

„Wohin denn?“ wollte sie wissen.

„ In die Psychiatrie auf die Akutstation für Drogenkranke.“

„Wo gibt es so was?“ fragte sie nach.

„ Im 14. Bezirk,  Baumgartner Höhe. Vielleicht  kennen ihn die dort ohnehin schon genauer.“

Die Meute zog hurtig davon mit Blaulicht und allem, was dazugehört.

Und ließen sie im Regen zurück.

Wortlos starrte sie dem Rettungswagen hinterher. Sah sich um. Las ihre Handtasche auf. Ohne nachzusehen, ob der Inhalt geklaut wurde. Dachte gar nicht daran. In der Panik dachte sie gar nicht mehr viel.

Von nun an ging alles sehr schnell.

Sie eilte schnurstracks nach hause. Hatte die Nase voll. Alles war ihr zu viel geworden. Sie war nervlich ausgelaugt.

Deswegen durfte sie sich erst recht nichts zuhause anmerken lassen.

Denn sonst war sie aufgeflogen mit ihrer Notlüge.

Klatschnass kam sie nach Hause.

Erklärte stammelnd, dass sie in den Regen gekommen sei, nachdem sie eine Freundin besuchen war.

Ungläubig starrten sie ihre Eltern an, doch sie war so geschafft und unterkühlt, dass sie sofort ins Badezimmer eilte und sich in einer warmen Badewanne rekreierte, sofern ihr das ihr aufgebrachter Zustand erlaubte.

Die Mutter versuchte zwar zu ermitteln, jedoch bat sie um Ruhe im Badezimmer, was die Mutter doch respektierte.

Im warmen Wasser schossen ihr tausende Gedanken durch den Kopf.

Wer war dieser Mann? Warum passierte ihm so etwas?

Wie kam es dazu?

Die kommende Nacht verharrte sie schlaflos im Bett.

Im Gedanken in der traumatisierenden Situation. Was nun mit ihm los war? Ob es ihm wieder besser ging? Oder war er tot?

Schreckliche Gedankenschleifen plagten sie die folgenden Tage.

Konzentrationslos wandelte sie durch den Tag. Geistesabwesend antwortete sie auf die Fragen ihrer Eltern.

Was los sei? Nichts.

Aber es stimmte doch etwas nicht mit ihr!

Doch sie ging den Ungewissheiten der Eltern apathisch aus dem Weg.

Dieser Vorfall ließ ihr keine ruhige Minute, sie konnte auch mit niemandem darüber reden, da es ohnehin keinen gab, dem die sich anvertrauen konnte.

So musste sie alles mit sich selbst ausbaden. Wie immer.

Nur schien ihr die Angelegenheit diesmal viel schwerwiegender als alles andere zuvor.

 

 

3.

Der Einzug in eine unbekannte Welt fällt jener Seele schwer. Die Bagage scheint über unendliches Gewicht zu verfügen, trotzdem schleppt sich das tapfere Mädchen mit jeder Faser ihrer geschwächten Muskeln und Sehnen in Richtung dem Gebäude. Wenn sie sich jetzt versteckt, dann kann es sein, dass sie nie mehr wirklich ein ruhiges Gewissen findet.

Kalt ist es geworden. Patricia stieg aus dem Bus, der sie zum psychiatrischen Krankenhaus brachte. Ein gigantischer Zaun aus grünem Schmiedeisen baute sich vor ihr auf, der ein riesiges Areal an jugendstilartigen Gebäuden eingrenzt. Alles schien sehr übergroß, eine Vielzahl an Gestalten bewegte sich dem Eingang herein, heraus, alle wirkten sie gleich, grau, monoton, bedrückt, verwirrt. Das war die Welt, die so viel Hoffnung in sich trug?

Misstrauisch und erschrocken bewegte sich Patricia zu dem Plan, der eine Menge an nummerierten Gebäuden aufzeichnete, wo sie den Weg finden musste. Es war noch ein weiter.

Alte, dunkle Tannen wankten im eiskalten Wind, als ob sie ihr den Pfad zeigen wollten, lange Schotterwege schlängelten sich zwischen den bewaldeten Flächen, dazwischen immer wieder alte, stilvolle Gebäude, in denen Licht brannte.

Und plötzlich stand sie davor. Der Pavillon befand sich am Rande des langen Parks. Die Tür schien sich sehr schwer öffnen zu lassen. Sie ächzte, als ob schon viele gequälte Hände daran gezerrt hätten.

Dahinter verbarg sich ein alt verfliester Gang mit greller Beleuchtung. Danach noch eine antike Tür.

Patricia gelangte in einen grell beleuchteten Aufenthaltsraum.

Die Unsicherheit und Angst in ihr schienen den Höhepunkt erreicht zu haben. Eine junge Frau in Pyjama mit verbundenen Armen beäugte sie mit monotonen Blicken, ehe sie gequält in einen anderen Raum weiter zog.

Alles wirkte fremd und bedrohlich. Und mitten drin stand Patricia wie eingefroren vor Beklommenheit.

Die Zeit schien wie unendlich langsam zu fließen.

Sie betrat einen langen Gang in der Anstalt, grell beleuchtet, steril, herzlos, umhertaumelnde Menschen, wie ferngesteuert wanken sie durch den Flur, die Augen leidend und gierig starrend, sehnsüchtig nach dem, was sie zerstörte. Am Ende eine Glasfront, dahinter ein Pflegerzimmer. Man musste anklopfen, um mit ihnen sprechen zu können. Es befand sich eine Schlange von Menschen vor dieser Glasfront, mit einem Haufen dringender Anliegen, hilflos wirkend, trotteten mit unbefriedigter Miene weg, kopfschüttelnd.

Sie tanzte wahrlich aus der Reihe. Stelzte mit ihren hohen Schuhen lärmend durch den Korridor, jeder Schritt erweckte ein Gefühl der Beschämtheit in ihr, bestätigt durch die feindlichen Blicke der Patienten. Ihr roséfarbener Blazer peinlich strikt abgestimmt mit ihrer Handtasche aus Schlangenleder erweckte ein ungutes Gefühl in den Betrachtern.

Sie fühlte, wie sie diese Blicke durchbohrten. Der verbissene Versuch, nicht links und rechts zu blicken schützte sie kaum vor diesem Gefühl.

Sie passierte einen Speisesaal. Darin lungerten einige Leute herum. Vorsichtig wagte sie einen Blick hinein, ob er vielleicht unter ihnen sein würde.

„Sieh her, was für eine snobistische Tante hat sich hierher verlaufen?“ erklang eine Stimme unter den vielen. Allgemeines Gelächter.

„Magst du uns nicht ein paar Scheine hier lassen? Wir brauchen sie wirklich, im Gegensatz zu dir.“ Wieder laut erschallendes Gespött.

Sie fühlte, wie ihr Kopf heiß anlief, vor Scham und Angst. Noch nie war ihr so bewusst gemacht worden, wie dekadent sie eigentlich wirkte. Schuldgefühle kamen auf. Sie passte hier nicht her. Was hat sie also hier zu suchen?

Ihre Eltern scheinen Recht zu haben. Das gemeine Volk denkt nur schlecht über solche Leute wie sie und würde sicher nur gemein agieren, wenn sie damit näher in Kontakt träte.

Sie wollte umdrehen und die Station schleunigst verlassen. Sicher würde er auch verärgert sein über ihre Person. Sicher würde er sie anfeinden und verspotten oder vielleicht schlechte Absichten haben. Er ist eben auch einer von denen. Diejenigen, die sich brutal aufführen würden, die schlagen würden, um an ihr Ziel zu gelangen, die Gewalttätigen, die über Leichen gehen würden, die Ungebildeten, die ohnehin keinen geraden Satz formulieren könnten.

Wenn sie ihn finden würde, würde er sie sicher beschimpfen und grob behandeln, verspotten und degradieren oder sonst was. Also schleunigst abhauen.

Sie fühlte sich bereits durch diese Gedanken sehr bedroht, deswegen will sie es dabei belassen und verschwinden.

Doch irgendwas in ihr ließ ihr keine Ruhe. Wer will das wissen, welch ein Mensch er wäre?

Nur weil ihre Eltern diese Meinung vertraten, müsse sie diese wieder einmal kritiklos übernehmen?

Gut, der Empfang der Patienten war alles andere als herzlich.

Aber sie kennt diese Sprache nicht. Immer war sie in etablierten Kreisen unterwegs, wenn überhaupt. Da wird nicht geschimpft oder die Meinung  unzensiert geäußert.

Wie falsch diese Pappnasen sich darstellten, wie heuchlerisch sie waren?

Alleine das sollte Grund genug sein, sich auch anderes anzusehen.

So versuchte sie all ihre Furchtsamkeiten zu verdrängen und es noch mal zu riskieren.

Das Fenster der Pfleger hatte sich bereits gelichtet, sie brauchte eigentlich nur hinzugehen und anzuklopfen.

Aber was sollte sie erzählen? Sie suche einen jungen Mann?

Da gibt es viele Mögliche. Man würde sie vielleicht wegschicken?

Einer, der Samstag gegen Abend eingeliefert wurde. Das würde alles eingrenzen.

Aber wer war sie? Eine Angehörige? Und von wem?

Da öffnete auch schon jemand die Klappe.

Ein gleichgültig kühles „Bitte?“ kam ihr entgegen.

Da musste sie handeln. Stotternd begann sie.

 

„Ich suche…“

Der Pfleger zog ungeduldig die Augenbrauen hoch.

„Ich möchte den jungen Mann besuchen, der Samstag gegen Abend hier hergebracht wurde…?“

„Verstehe schon… sind sie eine Angehörige?“

Sie zögerte einen Verlegenheitsmoment lang.

„Eine gute Freundin.“

„Dann geben Sie hier ihre Tasche ab und ihre Jacke. Zimmer 4. Ganz hinten.“

Er deutete zum anderen Ende des Korridors.

Schleichend schritt sie dahin, um auf keinen Fall aufzufallen, der Weg erstreckte sich in die Unendlichkeit.

Nun stand sie vor der besagten Tür. Daneben waren zwei Namen in eine Plastikvorrichtung eingeschoben. Wer von den beiden Männern würde er sein?

Ihr Herz raste. Ihre Hände schwitzten. Was würde sie nun erwarten?

Die Bilder von dem auf dem Asphalt daliegenden, leblosen Körper riefen sich in ihr Gedächtnis. Wie wäre nun sein Zustand, würde er noch so apathisch auftreten?

Wäre er ansprechbar? Oder vielleicht aggressiv und angriffslustig?

Sie verweilte einen Moment vor der Tür, da öffnete unerwartet jemand von innen.

Sie erschrak gewaltig. Der Hinauskommende ebenso. Aber es handelte sich nicht um ihn, sondern um einen sehr erschöpft wirkenden, älteren Mann. Er sah sie gleichgültig an. Aber sie packte sie Gelegenheit beim Schopf.

„Ist er drin?“ fragte sie den Alten. Er nickte lethargisch.

 

Aus dem Augenwinkel sah sie eine Gestalt am Fensterbrett lehnen. Dann wurde die Tür geschlossen. Die Konturen wiesen darauf hin, dass es sich tatsächlich um ihn handeln würde.

In höchster Nervosität hielt sie nun inne. Um die ganzen belastenden Ängste zu ignorieren und noch mal durchzuatmen.

Dann klopfte sie leise und zaghaft an die Holztüre.

Keine Reaktion von innen. Sie traute sich aber nicht, ein zweites Mal zu anzuklopfen.

Will er niemanden sehen? Hasst er Besuch?

Doch wider alle Zweifel öffnete sie zögerlich die Tür und spähte ins Krankenzimmer.

Der auf der Fensterbank Sitzende rührte sich aber nicht. Er schien angespannt zu rauchen. Die Zigarette in der Rechten, einen Fuß auf einem Sessel.

Wie gebannt verweilte sie einige Sekunden. Dass jemand so verwegen war und in einem Krankenzimmer rauchte.

Dann verspürte sie Handlungsbedarf.

„Hallo?“ piepste sie mit zitternder Stimme.

Da wandte sich die Person ihr plötzlich zu. Das Augenlicht des Mannes wirkte leicht verstört. Er schwieg und legte die Zigarette in den zweckentfremdeten Trinkbecher, der sich neben ihm am Fenster befand. Hauchte eine Rauchschwade aus.

„Kennen wir uns?“ äußerte er erschreckend nüchtern.

Nun stand sie unter Erklärungsbedarf.

Aber sie fühlte sich sehr unpassend am Platz und war beschämt, diesen Mann gestört zu haben, denn genau diese genervte Impression strahlte er aus.

„Ich weiß nicht wie ich anfangen soll…“ stammelte sie.

Er überschlug mit ablehnender Lässigkeit die Beine.

„Na dann fang eben einfach mal an…“

Sie rang nach Worten. Er duzte sie einfach so. Das erschien ihr sehr draufgängerisch. Aber nichts erschien ihr befriedigend für die teilnahmslose Miene dieses Mannes. Er wusste ja nichts von ihrem Schrecken, den er ihr einjagte. Deswegen konnte er leicht Gleichgültigkeit ausstrahlen.

„ Ich habe dich gefunden im Stadtpark letzten Samstag.“ Sie spürte einen bestürzten Unterton in ihrer Tonlage. „ Wie du dagelegen bist! Einfach erschreckend! Ich hatte solche Angst! Ich wusste nicht, wie mir war.“

Doch wider erwarten schmunzelte er.

Dies entsetzte sie so sehr, dass sie bedeutend lauter und eindringlicher fortsetzte.

„ Sag mal, du findest das lustig? Ich habe mich zu Tode erschrocken! Wie kannst du dich so zurichten?“

Und er schien immer amüsierter über ihre Fassungslosigkeit.

Sie schnappte nach Luft und starrte ihn an. Was hat er nun zu sagen?

Kein bisschen mehr dachte sie an aggressive Reaktionen seinerseits.

Er sog gierig an seiner Zigarette.

„ Also wie ich sehe bist du nicht aus meiner Welt.“

Sie packte sich an ihren langen Haaren vor Erschütterung und zerraufte sie energisch. Was sollte dieser unangebrachte Sarkasmus?

„Wie bitte? Aus deiner Welt? Was ist deine Welt? Sich arglos zu vernichten? Wer tut denn so etwas bitteschön? Hast du nichts Besseres zu tun?“ Obwohl sie vor ihrer Stimme selbst erschrak, war ihr dieser Vorwurf ein Bedürfnis.

Doch sie spürte an seinen Blicken, dass sie mit ihrer Aussage zu weit gegangen war.

Er fixierte sie mit seinen kühlen, blauen Augen.

Stand auf und trat näher. Sie wich ängstlich zurück. Er war sehr groß gewachsen. Um einiges größer als sie. Das wirkte ein wenig beunruhigend.

 

„ Mädchen, ich kann dir gar nicht böse sein. Du weißt nicht, was du hier daherredest.

Du scheinst das wahre Leben nicht zu kennen. So wie du aussiehst. So fein gestriegelt. So ausgestattet mit lauter Unsinn, den sich unser einer niemals leisten kann. So nobel, so begütert. Hast wohl immer alles bekommen, was du wollest?“

Er trat wieder zurück und sackte auf den Sessel. Seufzte genervt.

„Aber ich sag dir was, meine Liebe, das Leben ist eine harte Prüfung. Hast du Ahnung, wie viele Leute sich plagen, jeden Tag aufs Neue? Nein, bestimmt nicht.

Kennst du meine Geschichte? Nein. Aber du scheinst mich zu verurteilen. Wie es alle tun von eurer Spezies. Ich bin der Mob. Ist es nicht so?“

Seine Sprache erhob sich in missbilligende Lautstärke. Plötzlich strotzte er nur so vor Emotionen.

Sie senkte demütig ihr Haupt und schämte sich abgrundtief. Konnte sich nicht mehr halten.

Wie ihre bescheuerte Mutter redete sie daher. Wie konnte es so weit kommen?

 Begann leise zu schluchzen. Vor Schuld und Reue. Tränen kullerten aus ihren Augen, sie hielt sich die Hände vors Gesicht, wusste nicht, wie sie sich rechtfertigen sollte. Fühlte sich strafwürdig und schäbig. Sie war schon immer Nahe am Wasser gebaut.

„ Es tut mir so leid. Das wird dich jetzt nicht trösten. Ich weiß. Bitte, verzeih mir. Ich habe wirklich keine Ahnung. Aber ich sah dich in der Gosse liegen. Ich war noch nie in solchen Gegenden. Du hast Recht, ich bin eine verwöhnte Göre. Ich habe solche Leute noch nie gesehen. Aber ich hatte unendliche Angst! Dass du vielleicht tot bist.

Ich sah dein Gesicht am Beton. Es ist viel zu schön, um im Dreck zu liegen. Ich sah, dass es dir sehr schlecht ging…“

Obwohl sie die Dringlichkeit ihrer Aussage mit lauter Stimme verdeutlichen wollte, sah sie dennoch zu Boden aus Scham.

Sie blickte vorsichtig auf, um zu sehen, wie er gestimmt war. Doch er horchte aufmerksam.

„… ich wollte dir helfen. Nur wie, das wusste ich nicht. Ich sah so einen wundervollen jungen Mann so elend und jämmerlich. Und die Rettung habe ich gerufen, die Sanitäter klärten mich auf. Dass sie dich hierher bringen würden. Und ich machte mir die folgenden Tage ungemeine Sorgen. Bis heute. Immer wieder.  Was mit dir passiert ist. Ob es dir besser geht. Ob du tot bist…“

„Wie du siehst, ich lebe noch.“

Dies traf den Nagel des Spottes auf den Kopf. Wie konnte er so über sich reden?

Er lachte auf. Aber sehr unauthentisch. Und seine Emotionen waren kaum nachzuvollziehen. Und plötzlich wirkte er sehr deprimiert.

„Eigentlich habe ich niemanden, der mich besuchen würde“, versuchte er diese Aussage mit dieser Erklärung abzuschwächen.

Doch sie fühlte sich zutiefst gerührt und verpflichtet, ihn zu trösten. Sie hätte ihn am liebsten in den Arm genommen. Wäre er nicht wildfremd gewesen. Doch sie nahm neben ihm am Fenster platz.

Das Licht fiel in seine traurigen Augen und ließ sie in den glanzvollsten Nuancen aufblitzen. Sein Gesicht wirkte sehr zart im Vergleich zu seiner Körperhöhe. Seine Züge sehr fein und ebenmäßig. Das war ihr in seinem Delirium nicht aufgefallen. Sie konnte sich nicht erinnern, dass er auf diese Weise bezaubernd aussah.

Seine Hände waren sehr graziös und zierlich ausgeprägt. Er schien sehr sensibel zu sein. Er verweilte schweigend in ihrer Anwesenheit und blickte in die Ferne.

Er machte sich plötzlich so interessant, so hintergründig, so geheimnisvoll.

Ganz anders als erwartet. Das machte sie ungemein neugierig.

Er war total gegenteilig zu den Leuten, die sie umgaben, er wirkte so erfahren in gewisser Weise, so vom Leben gezeichnet, so weise und bedeutungsvoll.

Und er verspürte nicht den Zwang, inhaltslosen Unsinn zu berichten, nur um des Redens Willen, um das Schweigen zu überbrücken. Auch sie erlebte diese friedliche Stille sehr angenehm. Setzte sich gar nicht unter Druck gesetzt. Das stellte Neuland für sie dar.

Nach einiger Zeit überfiel sie doch der Wissensdurst, denn immerhin wusste sie nicht einmal seinen Namen.

So fing sie an zu fragen. Und er empfand das gar nicht mehr nervenaufreibend, sondern antwortete bereitwillig dieses und jenes.

„David Gahan, hast du wahrscheinlich schon auf dem Türschild gelesen, so heiße ich. Bin Ende dreißig und na ja, was willst du wissen?“

Dave war sein Name. Das hatte sie intuitiv vermutet, als sie die beiden Namen auf dem Schild vor der Tür sah. Er war älter als sie, aber fast Vierzig hätte sie nie vermutet, er wirkte deutlich jünger. Wohnte mit einem Freund zusammen in einer betreuten Wohngemeinschaft für psychisch Erkrankte.

Er sprach sehr offen und aufrichtig. Schien sehr dankbar für ihr Interesse.

Sei schon öfters hier gewesen. Versuchte einen Entzug. Brach diesen demotiviert und zerstört ab.

Doch eine Frage brannte ihr auf der Zunge.

„Warum hast du denn all diese Probleme eigentlich?“

Das unterbrach seinen Redefluss. Und er schien einen kurzen Moment von dieser Frage überrollt zu sein. Schluckte und blickte aus dem Fenster. Anspannung machte  sich bemerkbar. Das notierte sie und wollte revidieren, um seinem Zustand ein Ende zu machen.

Doch er holte Luft.

„Ist schon gut. Ich kann es dir schon ungefähr sagen.“ Trotz dieses Ansatzes musste er wieder durchatmen. Um ein neues Mal zu beginnen. Seine Hände bebten sichtbar.

Er legte sie in seinen Schoß, um dies zu kaschieren.

„Weißt du, meine Liebe, es ist verdammt hart, wenn du als kleines Kind deine Eltern verlierst.“ Seine Belastung wurde immer offensichtlicher.

Nervös griff er nach der Zigarettenschachtel, sie verharrte wie vom Donner gerührt an seinen Worten. Gehetzt zog er an seiner Zigarette, die Hälfte davon schien in einem Zug zu verglühen.

„ Wenn du dein ganzes Leben alleine bist. Das ist echt beschissen. Da fällst du in ein Loch. Bevor du es noch kapiert hast.“

Seine Augen wurden immer glasiger und es schien so, als würde er gleich einem Heulkrampf verfallen. Er presste die Kiefer angestrengt zusammen, als wäre es verboten, jegliche Gemütsbewegungen zu offenbaren. Zog abermals an und die ganze Zigarette schien sich aufgelöst zu haben.

„War eben so.“ murmelte er kleinlaut. Er kämpfte mit den Tränen. Aber zeigte dabei keine Regung.

Sie glotzte noch immer wie versteinert in seine unglücklichen Augen. War ratlos. Und ergriffen.

„ Es tut mir so wahnsinnig leid. Ich würde dir so gerne helfen.“

„ Ich brauche weder dein Mitleid noch deine Hilfe. Ich war bis jetzt auch über dreißig Jahre alleine und niemand hat mir geholfen.“

Das klang hart in ihren Ohren. Noch nie hat jemand so direkt und unverblümt zu ihr gesprochen wie er. Das war sie nicht gewohnt.

Sie warf all ihre Hemmungen und Berührungsängste über Bord und rückte dicht an ihn, um ihn in den Arm zu nehmen.

Statisch und steif befand er sich in ihrer Umarmung, ohne jegliche Reaktion.

Sie sah von oben auf sein Haar. Es glänzte goldig in der Helligkeit. Und doch war es dunkel. Satt schattiert. Kreuz und quer. Und doch sehr gepflegt. Ein paar Strähnen lagen über der Stirn. Sein Haar erschien genau so außergewöhnlich wie seine Person.

Chaotisch, und trotzdem in einer Art geordnet.

Es provozierte ihre Hand um eine Berührung. Sie konnte gar nicht anders.

Strich behutsam durch den Schopf. Vertraut wie ein Leben lang. Vergaß alles rundherum. Spürte seinen warmen, aufgeregten Atem an ihrem Brustkorb.

Einen Moment erlebte sie eine ganz unbekannte Empfindung.

Bilder schossen ihr durch das Gedächtnis. Von ihrem Verlobten. Wie sie ihn im Arm hielt. Und durch diese Berührung dieses Fremden bemerkte sie, wie gemütsarm und abgestumpft ihr dieselbe Berührung bei ihrem Partner vorkam.

Das tat weh.

 Nun, wo sie etwas Neues kannte, etwas, das sie nie haben würde.

Und doch wies sie der Fremde zurück. Sachte und doch bestimmt schob er sie von sich, was sie in der Situation als sehr schmerzhaft empfand.

„Du musst das nicht machen. Ich komme schon zurecht“, entgegnete und griff erneut zu den Zigaretten.

Die Atmosphäre klirrte vor Kälte, der Äther fror. Seine Gefühle erkalteten in jedem Zug.

Was war er nur für ein Mensch? Warum konnte sie nicht an ihn heran?

Was hat ihn nur so paralysiert und versteinert?

 

 4.

 „Mir ist kalt“ röchelte er mit vernebelter Stimme. „Lass uns an die Sonne gehen. Heute ist es halbwegs schön für die Jahreszeit.“

Konfus folgte sie seiner Anregung.

Wie durch ein unsichtbares Seil begann er, sie hinter sich her zu ziehen.

Durch die entseelten Gänge der Anstalt. Vorbei an Millionen Türen, hinter jeder Leid und Armseligkeit.

Getragen wurde sie durch sein energisches Schritttempo. Seine langen, grazilen Beine erzeugten einen einzigartigen Rhythmus auf dem Steinboden.

Kein einziges Mal drehte er sich nach ihr um. Als ob er wissen würde, dass sie ihm blindlings hinterherlief.

Am Ende ein weißes Licht. Gleißend und warm. Strebsam bewegte er sich in dessen Richtung. Seine Gestalt verschwamm in den puren Strahlen.

Sie eilte ihm nach. Raus aus der Station, aufs Sanatoriumsgelände.

Die alten Pavillons schienen unter klirrender Kälte zu stöhnen, obwohl die Sonne schien.

Alles schmeckte bittersüß. Alles schien verhext.

So still, so idyllisch, und doch so traurig und melancholisch.

Ab und zu eilte eine graue Gestalt ohne Gesicht durch die Schotterwege. Alles schien sich auf den Winterschlaf vorzubereiten.

Die Zeit verging so langsam und doch so schnell.

Diese Gründe schienen schon eine bewegte Geschichte auf sich zu tragen. Man konnte sich regelrecht verbildlichen, was in all diesen Gebäuden schon stattgefunden hat.

Die endlosen Stimmen der Verlassenheit, die Schreie der Bedrängnis, all diese Klänge schallten lautlos durch die Weite des Sanatoriumsareals.

Wie viele Selbstmörder stürzten sich schon aus den stilvollen Fensterbänken?

All die beschäftigte Patricia unheimlich. Sie spürte es so sehr.

Auf irgendeine Weise.

Oder war es nur Einbildung?

In einer Wiese, fern von der Pflegeanstalt, ließ er sich nieder. Zum ersten Mal sah er wieder nach ihr. Natürlich war sie anwesend. Das wusste er.

Deutete auf den Grasfleck neben ihm.

„Komm, setz dich.“

Schüchtern nahm sie Platz, in einem gewissen Abstand zu ihm.

Kaum ein Mensch war in ihrer Umgebung außer ihm.

Da kamen Fiktionen in ihr hoch, in welcher Gefahr sie sich befinden könnte.

Er würde nun seine gnadenlose Wut an ihr auslassen. Würde ihr womöglich etwas antun.

Er hätte den Sensiblen vielleicht nur vorgetäuscht im Zimmer. Um sie wegzuführen und dann sein wahres Gesicht zu zeigen.

Ihr wurde angst und bang. Schwindelgefühle erfassten sie.

Wieder erhallten in ihren Gedanken die Worte ihrer Mutter.

„ Lass dich auf keine Fremden ein. Sie wollen dir selten etwas Gutes. Besonders diese Menschen von der Straße. Die sind gefährlich und gewalttätig.“

Aber es war zu spät, um zu flüchten.

Doch er machte alles andere, als Anstalten, ihr etwas Böses zu wollen.

Legte sich zurück in die Wiese, schloss die Augen und verschränkte die Hände hinter seinem Kopf. Atmete entspannt durch.

„Hier kann ich ausschalten.“

Misstrauisch beobachtete sie seine Bewegungen, wollte jede einzelne kontrollieren.

Plötzlich setzte er sich wieder auf.

Sie zuckte ein wenig zurück. Er vermerkte dies und lächelte mild. Sein sanftmütiger Gesichtsausdruck entschärfte ihre Furchtsamkeit.

„Mädchen, was macht dir solche Angst?“

Diese Frage warf die aus dem Konzept. Was meinte er genau? War ihr Misstrauen so offensichtlich? Diese Vorstellung machte sie verlegen. So schwieg sie und ließ die Frage unbeantwortet.

Doch er ließ nicht locker und fragte weiter.

„Du wirkst auch nicht gerade glücklich…“ stellte er fest und rückte ein Stück näher an sie heran.

„Seit dem ich dich nun kenne, ich gebe zu, das ist kaum eine Stunde, wirkst du sehr verunsichert und ängstlich. Fast könnte man meinen, ich sei der Grund des Übels.

Aber warum eigentlich? Du bist doch zu mir gekommen…“

Diese Anmerkung klang sehr kritisch. Wieder wurde sie sehr provoziert, sich rechtfertigen zu müssen, wie sie es ihr ganzes Leben tun musste.

„Richtig hast du das erkannt.“

Da kam ihr die Befürchtung, mit dieser Bestätigung beleidigend zu wirken.

Fügte hinzu:

„Ich wurde so gemacht. Ich will das gar nicht. Immer wurde ich eingesperrt. Gewarnt. Kontrolliert. Du bist für mich etwas ganz Fremdes. Und das ist mir unheimlich.“

Stille. Er fasste sich ans Kinn. Fokussierte sie abermals.

„Also gut, das heißt, du denkst nun sicher, ich sei böse, schroff, angriffslustig?“

Sie fiel ihm laut ins Wort.

„Das stimmt so nicht! ... Oh nein, wo hab ich mich da reingeredet? Bitte vergiss das alles schnell wieder.“

Doch sein Blick wirkte unbefriedigt.

„So leicht funktioniert das nicht bei mir. Ich habe dir auch von mir erzählt. Was weiß ich nun von dir? Nicht mal deinen Namen.“

Gespannt und begierig wandte er sich ihr zu. Was hätte sie zu verlieren?

Schließlich war er ja ein Fremder. Und doch schon viel zu nahe.

„Also gut, zuerst mal, ich heiße Patricia. Bin 24 Jahre alt. Und all diese Jahre mangelte es mir eigentlich an nichts. Ich wurde schon als Kind immer reichlich beschenkt, vor allem, weil ich keine Geschwister habe.

Meine Eltern sind in der Tat sehr blasiert und arrogant. Und das wollten sie auf mich übertragen. Es ist ihnen eigentlich fast gelungen. Sie erzogen mich sehr streng und überwachten mich stets. Ich lebe praktisch in einem goldenen Käfig.

Ich durfte nie raus. Das wäre zu gefährlich. Ich konnte verseucht werden vom gemeinen Volk. Mit 20 wurde mir ein Mann aufgetischt. Er ist der Sohn von Freunden meiner Eltern, ebenfalls Prahler und Angeber. Und er ist jetzt mein Verlobter. Ich soll ihn heiraten. Bis jetzt erfüllte ich eigentlich fast alles ohne jegliches Hinterfragen. Ich verliebte mich auf
Wunsch meiner Eltern in diesen Mann. Dachte ich damals zumindest.

Heute spüre ich immer mehr das Gegenteil. Er ist kalt und berechnend. Geld ist alles. Ansehen. Status. Das gefällt meinen Eltern so an ihm. Er ist einer von uns…“

Immer mehr sprudelte aus ihr heraus. Sie konnte nicht glauben, dass sie sich gerade zum ersten Mal jemandem anvertraute und das war ein Fremder! Trotzdem kam immer mehr.

„Soll ich dir etwas verraten? Ich war wirklich noch nie alleine draußen. Ich kenne solche Menschen wie dich nur als böse dargestellt.

Meine Eltern wissen nicht, dass ich hier bin, ich habe mich weggeschlichen von daheim. Sie würden es ohnehin nicht merken, sind viel zu beschäftigt. Mit lauter Unsinn und Protzerei. Ich könnte ihnen auftischen, dass ich bei einer Freundin lernen sei.

Dort darf ich ja sein, denn da bilde ich mich.“

Sie atmete hektisch, um ihre Anspannung zu mildern, doch sie fühlte sie immer präsenter.

Er befand sich noch immer in derselben Position ihr gegenüber, die Augen weit geöffnet.

„Ich weiß, Dave, das sind jetzt Lappalien im Vergleich zu deinen Problemen…“, entschuldigte sie sich.

Er verharrte noch immer mit betroffenem Blick. Schüttelte das Haupt.

„Das ist ja das grausamste, was ich je gehört habe.“

Erstaunt schrak sie auf.

 „Sag mal, wie hältst du es aus mit so einem Typen? Vier Jahre. Gegen deinen Willen?“

Sie überlegte. Wie Recht er doch hatte.

„Kennst du nicht auch das Gefühl, mit jemandem zusammen zu sein, für den du eigentlich nichts empfindest?“ wollte sie wissen.

„Ich kenne es in anderer Form als du. Ich verharrte kaum lange in Beziehungen mit Frauen. Mit wenigen Ausnahmen.

Aber wolltest du nie ausbrechen aus deiner Zwangsehe? Ich meine, hast du in den vier Jahren nicht einmal etwas mit jemand anderem gehabt?“

Sie schaute ihn verdutzt an. Verstand nicht. Wollte nicht hören.

„Ich denke, wir kommen von zwei unterschiedlichen Planeten, und trotzdem ähneln wir uns“, warf  er ein.

Was für eine Behauptung.

Die kühle Sonne senkte sich gegen den Horizont, es wurde bereits dämmrig. Grillen fingen an zu zirpen im hohen Gras. Abendliche Luft zog übers Land. Der Duft der Herbstabende verbreitete sich in der Natur.

Der Wind wehte durch sein Haar. Die Abendsonne zauberte goldige Reflexe in seine Augen. Das Licht zeichnete seine ebenmäßigen Konturen.

Nachdenklich saß er ihr gegenüber. Wenn sie nur in seinen Kopf hineinsehen könnte.

Was würde er über sie denken?

„Weißt du, Dave, irgendwie zeigt mir unsere Begegnung die Welt auf eine neue Art.

Ich habe mich scheinbar in einigem horrend getäuscht. Du bist die andere Seite des Mondes.

Du bist das Unbekannte. Oft habe ich schon aus dem Fenster meines Zimmers geschaut und mich gefragt, ob es da draußen noch etwas anderes gibt.

Und du bist die Antwort. Ich bin froh darüber. Dass es etwas anderes gibt.

Auch wenn es mir auf eine drastische Weise gezeigt wurde. Ich habe viel gelernt. Vielleicht mehr als die ganzen Jahre davor. Mehr, als ich je gelernt hätte, wenn ich mein ermüdendes Leben weiter gelebt hätte. Ich danke dir.“

Ein bisschen irritierte sie das vorhin gesagte, aber an seiner Reaktion erkannte sie sein Wohlgefallen.

„Jedes Leid hat einen Sinn. Auch wenn ich es bis jetzt nicht erkannte“, ergänzte er.

Die Sehnsucht, im Nahe zu sein, erfüllte sie immer mehr. Obwohl sie ihr nur einen Tag kannte, wusste sie, dass er der Mensch war, der ihr am nächsten war. Näher als ihre Familie und ihr Verlobter. Um vieles näher. Er wusste mehr von ihren Gefühlen, als alle anderen.

Und doch so fremd. Aber sie wusste, wenn sie ihm den Wunsch ihrer Nähe zu ihm signalisieren würde, würde er mit Desinteresse und Gleichgültigkeit begegnen, genau wie er es bei seinen vergangenen Frauen tat.

Und je mehr sie sich mit ihm beschäftigte, desto härter würde sie diese Vorstellung treffen.

„Ich muss jetzt gehen. Wenn ich so lange von der Station fern bleibe, ohne Ausgang zu erbeten, kriege ich eine Menge Ärger. Tut mir leid.“

Sie erhob sich schweren Herzens aus diesem tiefprägenden Zusammensein.

Begleitete ihn wortlos und gedankenversunken zurück zur Anstalt.

Erst vor der Tür hielt sie ihn zurück.

„Ich werde dann gehen.“ Gab sie in der Hoffnung kund, dass er ein Wiedersehen anbieten würde. Doch anstatt die zu tun, nahm er sie in den Arm.

Aufrichtig und innig. Für einen Augenblick konnte sie seinen Herzschlag hören.

„Schön war es“, sagte er und wandte sich ab, um zurück ins Gebäude zu kehren.

Sie packte ihn an der Hand.

„Warte!“

Er drehte sich um, als hätte er es geahnt.

„Kann ich dich wieder sehen?“ ermittelte sie sehnsuchtsvoll.

 

 

 

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